„Zeitenwende“ – oder behutsamer Wandel?
Staatsopern-Intendant Georges Delnon im Gespräch mit Hans-Jürgen Mende, Kulturjournalist und Moderator

 

7. September 2016 um 19 Uhr

Stifter-Lounge der Staatsoper (Foyer 4. Rang)
Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg

 
Vor genau einem Jahr hat das Duo Georges Delnon/Kent Nagano in der Nachfolge von Simone Young die Leitung des Hauses übernommen. Erste Premiere der neuen Ära war Hector Berlioz‘ Fünfakter „Les Troyens“, der nachhaltigsten Eindruck hinterließ, ein paar Monate später „Stilles Meer“ des Japaners Toshio Hosokawa über die Atomkatastrophe von Fukushima.
Welches Fazit zieht Intendant Georges Delnon aus der ersten Saison? Haben sich die Leitung des Hauses und die Belegschaft aneinander gewöhnt? Wie erlebt er das Hamburger Publikum und die für Kulturpolitik Verantwortlichen? Und welche Akzente setzt die Staatsoper in der nun beginnenden Spielzeit?

 

Fotos: Günther von der Kammer

Nachbericht der Veranstaltung

Als „Treppchen“-Mensch bezeichnete sich Georges Delnon im Gespräch mit Moderator Hans-Jürgen Mende. Auf Einladung des Kulturforums Hamburg diskutierten beide in der gut besetzten „Stifter-Lounge“ der Hamburgischen Staatsoper, die Delnon als Intendant gemeinsam mit Generalmusikdirektor Kent Nagano nun seit einem Jahr leitet. Regisseur wollte er werden, studierte Kunstgeschichte und Musikwissenschaft  und begann als Assistent am Stadttheater Bern. Es folgten erste Regie-Arbeiten und dann feste Stationen trepp-aufwärts in immer etwas größeren Häusern: Luzern, Koblenz, Basel.

„Wozu braucht der Mensch Oper?“, fragte Mende. Delnon: Es ist etwas sehr Eigenes, was da in unserer Kulturgeschichte entstanden ist. Jeder Abend ist einmalig. Es werden in diesem Gesamtkunstwerk die Sinne so sehr angesprochen wie in keinem anderen Genre. Geschichten von Menschen werden erzählt, über die man nach der Vorstellung eben ganz anders sprechen kann als nach einem Konzert. Welche Erwartungen die Besucher haben? „Die Zuschauer haben immer Recht. Wir laufen Gefahr, aus der Elfenbeinturm-Perspektive zu urteilen und zu entscheiden, immer zur Konkurrenz zu schielen: was macht Berlin, was macht München? Das Publikum möchte Kunst hören. Das Schlimmste ist, nichts zu hören. – Aber wir wollen natürlich mit unseren Produktionen etwas verändern.

Wie aktuell können Opernproduktionen sein? Die Flüchtlingsthematik war schon zu Beginn seiner Amtszeit akut, erzählt Delnon. Dass das neue Führungs-Duo an der Dammtorstraße gleich zum Auftakt mit den „Trojanern“ von Berlioz, einem Flüchtlings-Drama, den Nerv der Zeit traf, sei offensichtlich.  Und als Flüchtlinge in die „Carmen“ eingeladen wurden, kamen doppelt so viele wie erwartet. Eindeutig bekannte sich Delnon zur Arbeit von Theater-Regisseuren. Sie könnten mit Musik sehr viel anfangen, seien oft selbst Musiker.

Gelingt es, aus diesem Haus etwas zu machen, was europaweit wahrgenommen wird? Mit den Vorstellungen einer Saison kann man keinen völlig neuen Stil prägen, so Delnons Antwort. Dazu braucht es den längeren Atem. Ob die Zusammenarbeit mit Nagano eine Liebesheirat war oder eine Zweck-Ehe, beantwortet er nicht eindeutig. Aber: Es ist gut, über alles zu reden. Die Entente ist der entscheidende Schlüssel. Spiegelt Schweizerisches und Japanisches den Spielplan? Überraschenderweise kam die Idee, Rossinis „Wilhelm Tell“aufzuführen, von Nagano – dagegen das japanische Fukushima-Drama „Stilles Meer“ zu inszenieren, von Delnon!

Es war – so das einmütige Urteil der Besucher des Kulturforums – eine sehr intensive und anregende Diskussion, die auch dank der sachkundigen Moderation Hans-Jürgen Mendes einen guten Einblick in Wesensart und Wirken des Staatsopern-Intendanten bot.