Bodenpreisentwicklung contra Gemeinwohl

Wie wollen wir künftig in städtischen Räumen wohnen? 

 

Dienstag, 7. Mai 2019 um 19:30 Uhr

Internationale Kulturfabrik Kampnagel, Jarrestraße 20,  22303 Hamburg

 

Kaum etwas anderes beherrscht zurzeit die öffentliche Debatte so stark wie das Thema Wohnen. Bezahlbar soll es sein – problematisch genug in den urbanen Regionen –, aber auch architektonisch vertretbar, nachhaltig und an den sich wandelnden Bedürfnissen der Bevölkerung orientiert. Wir wollen unser Zuhause individuell gestalten; zugleich ist das Wohnen eine gesellschaftliche Aufgabe. Haben Kommunen, Politik und Verwaltung die Belange kommender Generationen im Blick?

Lassen sich im Dialog mit allen Beteiligten – Wissenschaft, Stadtentwicklung, Politik, Bürger*innen – Visionen entwickeln? Das Kulturforum Hamburg lädt ein zur Podiumsdiskussion:

 

Es diskutierten:

Prof. Dr. Ingrid Breckner, Stadtsoziologin, HCU

Kerstin Niemann, Stadtlabor Dulsberg, HCU

Michael Sachs, ehemaliger Geschäftsführer GWG und Staatsrat in der BSU a.D.

Malte Siegert, hauptamtlicher Leiter Umweltpolitik beim NABU

Moderation: Melanie von Bismarck, freie Journalistin

Fotos: Günther von der Kammer / Gruppenbild Podiumsgäste, Ingrid Breckner, darunter von v.l.n. r.; Melanie v. Bismarck, Kerstin Niemann, untere Reihe v.l.n r.: Malte Siegert, Michael Sachs

 

Städte sind die Zukunft. Sie sind Motoren und Brennpunkte gesellschaftlicher Entwicklungen. Genau wie ihre Bewohner verändern sie sich immer weiter - fertig sind sie nie. 

Nirgendwo sonst prallen die Lebensrealitäten so vieler unterschiedlicher Menschen aufeinander wie im urbanen Raum. Bis 2030 soll es laut UN-Prognose weltweit 41 Megastädte geben (Städte mit mehr als 10 Millionen Menschen). Hamburg ist weit davon entfernt, doch auch die Hansestadt wächst. Viele Menschen kommen wegen der Arbeitsplätze und des reichen kulturellen und sozialen Angebots. Immer mehr Menschen können sich aber Wohnungen kaum noch leisten. Die Verdrängung der geringer Verdienenden aus ihren Stadtteilen führt auch zum Verlust der spezifischen stadteigenen Identität. 

“Die Intention der HCU war es, den Stadtteil zu beleben, doch nach der letzten Vorlesung spätnachmittags fahren die Studierenden zurück nach Barmbek oder Wilhelmsburg, weil es hier keine bezahlbaren Wohnungen gibt. Wenn das so weiter geht, werden wir bald Trabantenstädte und Ghettos haben“ so Ingrid Breckner.

Kerstin Niemannleitete das Stadtlabor in Dulsberg:  “Dort gibt es vor allem 1- 2 Zimmer- Wohnungen - das prägt einen Stadtteil natürlich sehr“. 

Malte Siegert: “Der Druck auf die Menschen, ins Stadtinnere zu ziehen, muss verringert werden. Wir brauchen eine Infrastruktur mit besseren Anbindungen der Stadtteilgrenzen an den Öffentlichen Nahverkehr“. 

“Wie wollen WIR wohnen“ - das gibt es nicht. So könne sich der Ur-Ottenser zum Beispiel keine Wohnung dort mehr leisten “ sagt Michael Sachs. Er sieht die Problematik in den veränderten Modellen gesellschaftlichen Zusammenlebens und der “Ich lebe lieber alleine -“ Haltung. Wenn man das hört, könnte man denken, Cluster Wohnungen seien die Lösung. Doch gemeinschaftliches Wohnen als Zukunftsmodell stößt auch schnell an Grenzen, so Ingrid Breckner. Starkes individualistisches Denken und der Drang zur Selbstverwirklichung lassen sich oft nur schwer mit gemeinsamen Absprachen und der Toleranz verbinden, die das Zusammenleben eben erfordert.

Wie soll überhaupt gebaut werden?  Kerstin Niemann fragt: “Warum neu bauen und nicht umbauen?“  - und dann ist man auch schon bei Wien. Die Stadt gilt als Vorzeigemodell mit ihren 6/- 8 geschossigen Häusern und innovativen Wohnprojekten. Moderatorin Melanie von Bismarck, New York - Liebhaberin und freie Journalistin, fragt nach dem Eigenheim im Grünen: Der Traum vieler Deutscher, oder etwa nicht? “Nein, längst nicht mehr“, so Sachs.  “Die klassische 4 köpfige Familie gebe es so kaum noch. 41% der Hamburger leben in Ein-Personen Haushalten“. Gegen Ende der vielschichtigen Diskussion wird es noch einmal spannend, als Malte Siegert den Handlungsspielraum der Politik beteuert: “Städte müssen sich ihre Steuerungsmöglichkeiten zurückholen“. Lösungsvorschläge kommen aus dem Publikum: Mietenstopp, spekulative Verpachtungen an gesellschaftlichem Interesse messen, Verpachtungen an Genossenschaften nach Ablauf des Erbrechts und ein neues Bodenrecht sind die Ideen. “Ob die Politik den Bedürfnissen der Menschen angesichts des marktbeherrschten Wohnungsbaus überhaupt folgen kann?“ bringt Cornelie Sonntag- Wolgast die Komplexität auf den Punkt. 

Es bleiben noch viele Themenbereiche unberührt an diesem Abend auf Kampnagel,wie die vielen Wortmeldungen aus dem Publikum verdeutlichen. Zusammenleben geht uns eben alle an. 

Wohnen als Grundrecht - nicht als Ware! (Franziska Herrmann)