Rückblick 2018


Neue Sicht auf die Kulturen der Welt

Barbara Plankensteiner im Gespräch mit Florian Zinnecker, Kulturredakteur ZEIT: Hamburg

18. September 2018 um 19.30 Uhr 

Museum am Rothenbaum, Kleiner Hörsaal 

Rothenbaumchaussee 64

 

Das altehrwürdige Museum für Völkerkunde hat seit April vergangenen Jahres eine neue Direktorin: Prof. Dr. Barbara Plankensteiner. Nicht nur seinen Namen hat das Museum geändert – die Chefin  setzt neue Impulse für das traditionsreiche Haus, übrigens eines der größten seiner Art in Europa! Auch der Titel der Ausstellung, die am 12. September eröffnet wird, lässt aufhorchen: „Erste Dinge – Rückblick für Ausblick“. Wir wollen Sie auf Barbara Plankensteiner persönlich und ihre Vorstellungen von der Zukunft des Museums neugierig machen und laden ein.

Fotos: Günther von der Kammer

Das Interesse an der Führung durch die neue Ausstellung im mittlerweile umgetauften „Museum für Völkerkunde“ sprengte alle Erwartungen: so groß war der Andrang der Interessierten, dass etliche erst einmal warten mussten, bis die Führung für die erste Gruppe beendet war und die Kuratorin sich weiteren Besuchern zuwenden konnte. Dem Stehvermögen der Gäste tat das keinen Abbruch. Und das anschließende Gespräch, das Moderator Florian Zinnecker mit Hausherrin Barbara Plankensteiner führte, lieferte reichlich Denkanstöße und Erkenntnisse zum künftigen Konzept des Museums. Ein spannender Abend. 


Hamburgs Umgang mit der Erinnerungskultur

Ein Besuch der Mitglieder des Kulturforums im ehemaligen Gestapo Hauptquartier an der Stadthausbrücke

 

Die vielen Interessierten gaben sich noch vor der Begrüßung durch Gert Hinnerk Behlmer Staatsrat a.D., Vorstand Kulturforum), Dr. Annette Busse (Referatsleiterin für  Erinnerungskultur in der Behörde für Kultur und Medien),  Stephanie Krawehl (Buchhändlerin + Café) und Cornelie Sonntag-Wolgast skeptisch. Es hatte viele Medienberichte in den letzten Monaten über die Sanierung des Gestapo- Hauptquartiers an der Stadthausbrücke gegeben. Statt einer Gedenkstätte entstehe hier ein Shoppingquartier, so die Kritik. Dass bescheidene 70 qm des Komplexes dem Gedenken an die NS Verbrechen zugedacht sind und der „Lern- und Gedenkort“ mit einer Buchhandlung und einem Café kombiniert wurde, hatte Empörung ausgelöst.

Passt das und reicht es? fragt Gert Hinnerk Behlmer,  selbst sichtlich berührt. 

Einen Ort des Schreckens,  zentral gelegen in der Hansestadt, dem Konsum überlassen? Die Versäumnisse Hamburgs bei der Erinnerungskultur müssen gründlich diskutiert werden – so auch die Meinung der gut 20 Interessierten, die der Exklusiv-Einladung an Mitglieder des Kulturforums gefolgt waren. 

 

Die derzeit noch provisorisch dokumentarische Ausstellung wird von der Buchhändlerin Stephanie Krawehl mitbetreut. Eine Privatisierung des Gedenkens - ein weiterer Stachel im Auge vieler. Die aus 5 Tischen mit biografischen Texten über die Nazi-Täter bestehende Ausstellung wirkt eher abgestellt als aufbereitet. Dennoch: Zitate der Gefolterten an den Wänden beklemmen einem den Atem.

 Dann gehen wir in den Innenhof. Das modernisierte Gebäude bietet einen malerischen Blick auf die Alsterfleete. Gut, dass die Möwen so laut kreischen, dass es in den Ohren weh tut, als wir in Kleingruppen den ‘Seufzergang’ betreten. In Erwartung der bevorstehenden Misshandlungen gingen hier einst die Gefangenen zum Verhör. Ein etwa 12 Meter langer Gang mit glatt betonierten Wänden und Decken und eine Fensterfront aus gut isolierten Plastikfenstern endet in einer zubetonierten Wand - dort war einst die Tür zum Verhörraum, Ort der Folter und der Ängste der Inhaftierten. 

’Authentizität ist hier nicht mehr zu spüren’ hört man einen älteren Herrn sagen. Wieder oben, schweift mein Blick und bleibt an der Gedenktafel hängen. Sicherlich übersehen hätte man sie, würde man jetzt mit Einkaufstüten durch den Innenhof flanieren. Die Setzung der Schrift erinnert stark an die Nazi- Schriftzüge ‘Arbeit macht frei’ . Viele wundern sich über einen derart unsensiblen Umgang mit der Thematik.

Drinnen im Café darf nun dem leisen Gemurmel eine laute Diskussion folgen. Durch ihren hohen persönlichen Einsatz und den Mut zur Veränderung setzt Stephanie Krawehl einen hoffnungsvollen positiven Impuls für dieses umstrittene Projekt. Es folgen die ersten Beiträge: Der Raum sei totsaniert so Prof. Dr. Rainer Maria Weiss, stellvertretender Vorsitzender der Kulturforums. Ein weiteres Mitglied fügt enttäuscht hinzu, das Kind sei ‚in den Brunnen gefallen’. Starke Reaktionen, die nachdenklich stimmen. Es werden aber auch positive Aspekte angesprochen und Verbesserungsvorschläge gemacht. Man solle mit Musik oder Audio-Aufnahmen die Atmosphäre im ’Seufzergang’ verstärken. Doch Gert Hinnerk Behlmer unterstreicht: „ Betroffenheit durch Gefühligkeit“ , dass braucht es hier nicht“. Allein  Informationen lösten Betroffenheit aus. Man müsse hier einen Lernort mit gut aufbereitetem Informationsmaterial wiederfinden. Man darf auf die für 2019 geplante finale Ausstellung gespannt sein. 

Abschliessend wird ein Exemplar der „100 Hot Spots in Hamburg“ herumgereicht. Das Magazin des ’Hamburger Abendblatts’ spart sich gleich jeden Verweis auf die historische Bedeutung des Gebäudes und wirbt für das Luxus- Shoppingquartier. Shoppen, wo gefoltert wurde - das verträgt sich wirklich nicht, finden viele. Man merkt, wieviel Ärgernis in der Sache steckt. Dass 70 Jahre lang nichts passiert ist, vergisst hier niemand. Einig ist man sich darin, dass der Fassadenbereich umgestaltet werden muss. Nötig sei ein deutlicher Hinweis darauf, was hier von 1933 bis 1943 im Keller geschah. Dieser frei zugängliche Gedenkort im Herzen Hamburgs bietet eine Chance für die Stadt und ihren Umgang mit der Vergangenheit. 

Der Mensch braucht Orte, um sich zu erinnern und zu gedenken, damit er die Gegenwart mit klarem Blick einschätzt und in der Zukunft zu verhindern weiss, was sich im dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte zutrug. Vor allem geht es darum, künftige Generationen zu sensibilisieren. Es bleibt also zu hoffen,  dass  kritische Stimmen ernst genommen werden und nicht mit geschäftigem hanseatischem Kaufmannsgeist die Bereitschaft zu einer von Verantwortungsbewusstsein geprägten Erinnerungskultur erstickt wird.

(Franziska Herrmann)


Grenzen der Kunstfreiheit?! – Preise und Provokationen

29. Mai 2018 um 19.30 Uhr im Stage Club

Stresemannstr. 163, 22769 Hamburg

 

Kunst muss auch unbequem sein, provozieren, polarisieren.

Trotzdem gibt es manchmal Gründe, auch über die Grenzen der Kunstfreiheit zu diskutieren.

Zum Beispiel, wenn antisemitische Texte zum Verkaufshit werden. Die diesjährige Verleihung des

Echo-Preises hat wilde Proteste ausgelöst, reihenweise gaben Künstler ihre Auszeichnungen

zurück. Die Folge: den „Echo“ in seiner bisherigen Form wird es nicht mehr geben. Zuweilen

erzeugen künstlerische Projekte aber auch Streit, weil sich ihr Sinn nicht unmittelbar erschließt

oder weil manche Menschen darüber hadern, dass „für so was“ auch noch öffentliche Gelder

ausgegeben werden.

 

Auf dem Podium:

Boran Burchhardt, Künstler („Veddel vergolden“)

Niko Hüls, Geschäftsinhaber der Hip-Hop-Zeitschrift „Backspin“

Dr. Reyhan Şahin aka Lady Bitch Ray, Rapperin, Sprach-, Islam- und Genderforscherin

Seien Sie außerdem gespannt auf AJ aka REDCHILD, Profi-Musiker und Hip Hop Academy Künstler, und Lukas aka Globe Kid, die ihre Songs vorstellen!

Moderation: Dr. Andreas Moll, Fernseh- und Hörfunkjournalist

Fotos: Renate Kammer, Christian P. Schlichte

25 Grad, 19.30 Uhr, Stage Club Hamburg. Ungewohnte Hitze in der Stadt.

Die Beats dröhnen aus den Boxen im Stage Club. Das Publikum wischt sich dezent den Schweiß von der Stirn und wippt leicht mit dem Kopf zu "Danke an Rap", mit dem der junge Rapper Globe Kid von der Hip Hop Academy diesen Abend eröffnet. Anlass für die Podiumsdiskussion des Kulturforums Hamburg war der Eklat um die Vergabe des ECHO-Preises an die Rapper Fahrid Bang und Kollegah mit ihren antisemitischen Zeilen ("Mein Körper ist definierter als der von Auschwitz- Insassen"). Kommt Rap ohne Tabubrüche und menschenverachtende Texte aus?

Nach Artikel 5 des Grundgesetzes sind Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre frei. Dass Kunst auch unbequem sein, provozieren und polarisieren soll, ist unstrittig. Doch wie weit kann man dafür gehen? Und vor allem: Was genau soll mit antisemitischen oder frauenverachtenden Texten erreicht werden, außer die Provokation selbst?

Für den bildenden Künstler Boran Burchardt, der mit der Vergoldung einer Wohnhausfassade auf der Veddel ein umstrittenes Kunstwerk geschaffen hat und damit für Furore sorgte, sind Rap-Texte, die nur mit einer der im Rap üblichen Grenzüberschreitung spielen ('es geht darum, kunstvoll zu sagen: ich bin besser als du‘) „eine Frage des Geschmacks. Und schlechter Geschmack ist nicht unbedingt Kunst." 

Er selbst "wusste nicht, wie ihm geschah" als seine Intention, einen anderen, positiven Blick auf die Veddel zu lenken - weg von den üblichen Zuschreibungen als Problemstadtteil - vielfach kritische Reaktionen wie ’in Kunst gegossener Hohn gegenüber den hilfsbedürftigen Menschen dieser Stadt‘ auslösten. Zunächst auch in dieser Runde von einigen Gästen missverstanden, erklärt er sich und  fragt weiter: "Was hat Kunst mit gutem Geschmack zu tun?"  

Dr. Reyhan Sahin, selbst als Lady Bitch Ray mit pornographischen Texten Provokateurin der deutschen Hip Hop-Szene, findet "Kunst dann gut, wenn sie provoziert". Über das verachtende Frauenbild in der Szene rege sich seit Jahren jedoch niemand auf. Niko Hüls, Geschäftsführer der Zeitschrift „Backspin“,  spricht von der ’moralischen Grenze einer Gesellschaft, die im ECHO-Eklat überschritten wurde,’jedoch immer auch im Kontext gesehen werden müsse. Dass im Rap teilweise siebensilbig gereimt wird und dass auch ein Herr Goethe oder Schiller damit ihre Schwierigkeiten gehabt hätten, sorgte für heiteres Gelächter beim doch eher der Literatur zugewandten Publikum. Immer wieder wird vom Kontext gesprochen, wenn es um die Zeilen geht, die schließlich zur Abschaffung des ECHO-Preises führten. Doch soll man derart menschenverachtende Texte überhaupt einzuordnen versuchen - und somit ja auch abmildern? Sie treiben einen schrecklichen Zeitgeist auf die Spitze, benennt es Moderator Andreas Moll. „Aber die weiße Mittelschicht findet Gefallen am aggressiven Hip Hop“, wird gekontert. 

Man merkt der Szene an, wie sie in sich selbst gefangen ist ,so der der Rapper Redchild nach der Abschluss-Performance seines melancholischen Songs "Warten auf den Regen".

„Don‘ t hate the player, hate the game“ (Hasse nicht den Spieler, hasse das Spiel). 

(Franziska Herrmann)

Abschluss-Performance des Rappers Redchild, Foto: Christian P. Schlichte


Was plant Hamburgs neuer Oberbaudirektor? - Mit Franz-Josef Höing im Gespräch     

Dienstag, 10. April 2018 um 19.30 Uhr 

Internationale Kulturfabrik Kampnagel, Jarrestraße 20, 22303 Hamburg

 

Oberbaudirektoren in Hamburg haben die Chance, das Stadtbild über Jahrzehnte hinweg zu prägen. Sie stehen aber auch vor immensen Herausforderungen – gerade heute und in naher Zukunft! Manche sagen, dies sei einer der unbequemsten Jobs in der Hansestadt. Aber wohl auch einer der spannendsten! Neue Wohnungen werden dringend gebraucht, weniger attraktive Quartiere sollen aufgewertet, Grünzonen erhalten oder sogar ausgeweitet werden, Kontroversen um Denkmalschutz versus Abrisspolitik werden in der Öffentlichkeit leidenschaftlich diskutiert. Seit dem 1. November 2017 ist Franz-Josef Höing mit der Aufgabe betraut, schlüssige und überzeugende Antworten auf solche Fragen zu geben.

Das Kulturforum Hamburg lud zum Gespräch ein.

Moderation: Daniel Kaiser (Leiter der Kulturredaktion bei NDR 90,3)

 

Volles Haus beim Kulturforum auf Kampnagel! Rund 120 Besucher möchten Näheres über die Pläne des neuen Oberbaudirektors Franz Josef Höing hören, der seit November letzten Jahres als Nachfolger Jörn Walters im Amt ist. Daniel Kaiser, Kulturchef von NDR 90,3, führt nach der Einleitung des Landesarchäologen und stellvertretenden Kulturforums-Vorsitzenden Prof. Rainer Maria Weiss durch den Abend. 

Die Position Oberbaudirektors gleiche der eines  ‘Trüffelschweins’, erfahren wir von Höing gleich zu Beginn. Nun gelte es, traditionelle Vorstellungen von Stadt (’ein Ort mit besonderen Orten’) mit den neuen Anforderungen zusammenzubringen,  die die ‘wachsende Stadt’ mitbringt. In vielen Medien wurden zuletzt der bevorstehende Abriss der City- Hochhäuser und der Entwurf für den 235 Meter hohen Elbtower  kritisiert. Höing, selbst kein Hamburger, sieht Hamburg spürbar vor seinem inneren Auge. Sein verbaler Spaziergang durch die Hamburger Innenstadt  über den Speicherplatz, den Domplatz , den Hafen und die malerisch pittoresk anmutende Gegend um Blankenese bis hin zum großen schönen Teich in seiner Mitte - zieht einen hinein in seine Welt. Fast glaubt man, in einer 3D-Dokumentation zu sitzen; bis er innehält: Dies seien 30% des Stadtbilds. Ganz anders das Leben vor der Stadtgrenze, etwa in Osdorf, Mümmelmannsberg oder in Allermöhe, wo ein neuer Stadtteil erst noch entstehen werde. Dort neu zu planen und zu bauen, sei ‘eine Herausforderung’. Die meisten Arbeitsplätze sind an den Stadtrand ausgelagert  - aber dort ist der Platz für die jährlich 10.000 geplanten neuen Wohnungen! 

’Häuser müssen höher werden, um dem Wachstum den notwendigen Raum zu geben’. Klar, dass Verdichtung die Lösung scheint, doch vielen Hamburgern ist dies nicht recht, galt doch einmal die Regel (jedoch längst durchbrochen), der Michel sei der höchste Turm der Stadt. 

Es kommen einige Fragen aus dem Publikum zum Beispiel nach dem Abriss der City-Hochhäuser (‘bereits beschlossene Sache vor Amtseintritt’), was denn mit dem alten Domplatz passiere und natürlich dem Deutschlandhaus. In dem von den jüdischen Architekten Block und Hochfeld entworfenen Haus war einst das größte Kino Europas. Heute habe das Gebäude nichts mehr mit dem historischen Bau gemeinsam, versucht Höing erfolglos zu propagieren.. Auf den tristen Wohnungsbau von Kiel bis München angesprochen, räumt Höing, der sich im Gespräch stets vermittelnd zwischen Stadt und Bürgern zeigt, eine gewisse ’Ideenlosigkeit im Wohnungsbau in ganz Deutschland’ ein.

Abschließend versichert er, dass selbstverständlich ’betörende Entwürfe’ die einzige Reaktion auf historisch zu verändernde Plätze im Stadtbilds Hamburg sein können.

 

Die traditionsreiche Handelsstadt wird sich damit arrangieren müssen, dass sich die Stadt weiter verändert. Den Charme wird der Hansestadt jedoch niemand nehmen; denn das hohe Bürgerinteresse auch in dieser Runde zeigt einmal mehr: mögen die Türme auch wachsen - das wahre Gesicht der Stadt sind die Hamburger Bürger. (Franziska Herrmann)

 


Neue „GroKo“ – neue Chancen für die Kultur?“                                                  

Dienstag, 13. Februar 2018 um 19.00 Uhr  

Internationale Kulturfabrik Kampnagel, Jarrestraße 20,  22303 Hamburg

 

Kultur ist Ländersache, aber auch der Bund gibt Impulse, fördert Projekte. Auch Hamburg hat davon profitiert. In den öffentlichen Debatten um eine neue „Große Koalition“ spielt das Thema – weil kaum strittig – keine Rolle, aber in dem Papier zum Ergebnis der Sondierungen finden sich unter dem Titel „Kunst, Kultur und Medien“ Passagen, über die zu reden sich lohnt. Etwa über ein „gesamtstaatliches Bündnis für kulturelle Bildung“ oder über einen verstärkten Beitrag von Kultur und Bildung für ein gemeinsames Europa. Ziehen wir den Bogen weiter: Was bleibt noch von der Willkommenskultur? Und was ist von der Wiederbelebung des Begriffs „Leitkultur“ zu halten? Sollte ein Bundeskulturministerium eingerichtet werden? Wir laden ein zur Diskussion.

 

Auf dem Podium:

Hartmut Ebbing, FDP-MdB, Mitglied des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien              

Tim Renner, Musikproduzent und Autor, Berliner Kulturstaatssekretär a.D.                                

Dr. Ernst-Dieter Rossmann, SPD-MdB, Bildungsexperte seiner Fraktion

Moderation: Kathrin Erdmann, Journalistin

Fotos: Günther von der Kammer

“Kultur ist der Spiegel unseres Selbstverständnisses und der Identitätsfindung“, sagt Ernst - Dieter Rossmann. Den Abschnitt des Koalitionsvertrags zur Kultur hat er auf seinem Schoss liegen und zitiert immer wieder daraus. Der kulturellen Vision werden 15 Seiten im Papier eingeräumt, eine deutliche Steigerung zu den zwei Seiten in der vergangenen Legislaturperiode, bemerkt FDP-Politiker Hartmut Ebbing. Tim Renner, Berliner Kulturstaatssekretär a.D., ruft ganz zu Beginn:“ Es braucht eine Partei, die den Wandel umarmt!“ Sein Kommentar zum Kultur-Passus im Koalitionsvertrag: „’Das wird doch eh alles weggeprüft’. Dennoch besteht Grund zur Hoffnung. Denn die „feinen Schneckenspuren der SPD“, wie Rossmann sie bezeichnet, ziehen sich konstant durch den gemeinsam gefundenen Konsens der Parteien. Der in Pinneberg agierende Politiker und Bildungsexperte warnt zugleich: dem schlimmen Kulturverständnis der AfD müsse etwas entgegengesetzt werden.

Hartmut Ebbing unterstreicht die Dringlichkeit besserer Bedingungen für Künstler.  Zum Thema Künstlersozialkasse (KSK)  führt Tim Renner das Wort. Ihn treibt die prekäre Lage der Kreativen unserer Gesellschaft um. Weiter spricht er vom digitalen Wandel der sich auch im Verlagswesen vollziehen müsse. So sei der Bestellvorgang für E-Books für Bibliotheken noch erheblich verbesserungsfähig.

Dass die Öffentlich Rechtlichen sich noch mehr auf den Bildungsauftrag fokussieren könnten, findet  Hartmut Ebbing. Die Unterhaltung ganz den Privaten überlassen möchte dann in der Runde jedoch niemand. Stimmen aus dem Publikum wünschen sich ähnliches; die Lust auf besseres Fernsehen wird kundgetan. Arte und 3Sat als einzig vertretbare Fernsehprogramme mit kulturellem Anspruch in Deutschland – das sei zu wenig! Der unentgeltliche ÖPNV, der an diesem Abend gerade von der Bundesregierung als Prüfauftrag ins Gespräch gebracht wurde, und der freie Eintritt in Museen wurden von allen Diskutierenden begrüßt und hätte den Koalitionsvertrag bereichern können.

Weitere Forderungen: intensiveres und systematischeres Zusammenwirken von Bund und Ländern bei der Planung und Finanzierung, vielfältige Gestaltung der kulturellen und politischen Bildung.

In der Abschlussrunde lässt Moderatorin Kathrin Erdmann vom NDR die Diskutierenden ein Fafzit ziehen. Vier von fünf Punkten wurden bei der Durchsetzung des Vertrags erreicht. Für Tim Renner heißt das trotzdem, dass es noch viel zu tun gibt.  Ernst-Dieter Rossmann spricht von einem wunderbaren Ergebnis: „Kultur nicht als Subvention, sondern als Investition in unsere Zukunft“. Das Programm steht, was im Kompromiss des Regierens verwirklicht wird - darauf dürfen wir nun voller Hoffnung und Spannung warten.

(Franziska Herrmann)