Darf’s ein bisschen mehr sein? - Hamburgs aktuelle Museumsplanungen
Montag, 1.Juni 2026 um 19 Uhr in der Kulturfabrik Kampnagel,
Jarrestraße 20, 22303 Hamburg
Hamburgs Museumsplanung ist mächtig in Bewegung geraten. Mehrere neue Museen sind in Planung, alteingesessene Häuser stehen vor überfälligen Runderneuerungen. Über den Stand der Dinge, Zeitvorstellungen und Kosten will das Kulturforum Hamburg mit Fachleuten diskutieren: Museumsdirektoren, Marketingexperten und Behördenvertreterinnen gewähren einen Blick in die Zukunft der Museumsszene Hamburgs.
Mitwirkende:
Prof. Dr. Matthias Glaubrecht (Universität Hamburg, Wiss. Projektleiter Neues Museum/Evolutioneum)
Maximilian Pohlmann (Head of Marketing, UBS Digital Art Museum)
Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss (Direktor des Archäologischen Museums Hamburg)
Verena Westermann (BKM, Leiterin der Abteilung für Museen, Bibliotheken, Erinnerungskultur, Deichtorhallen und Planetarium)
Moderation: Maike Schiller, Ressortleiterin Kultur des Hamburger Abendblatts
Fotos Gerhard Lein: Podiumsgäste mit Cornelie Sonntag-Wolgast, Maximilian Pohlmann, Moderatorin Maike Schiller, Prof. Dr. Matthias Glaubrecht, Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss
Das Thema lockte rund 80 Besucher trotz Sommerwetter in die kmh auf Kampnagel. Sie erlebten eine anregende und informative Gesprächsrunde der vier Podiumsgäste, sachkundig und lebendig moderiert von der Kulturchefin des Hamburger Abendblatts, Maike Schiller. „Es bräuchte eigentlich noch viel mehr Stühle auf dem Podium – so viel wird innerhalb Hamburgs Museen gebaut, verändert, erneuert“ sagte Verena Westermann (bkm) gleich zu Beginn. Und in Anspielung auf das tags zuvor bekanntgewordene Nein zur Olympia-Bewerbung war sich das Podium einig: „Wir kriegen zwar Olympia nicht, dafür aber herrscht Aufbruch in der Museumslandschaft.“
In der Tat: Wo 2011/2012 noch Mutmaßungen über mögliche Schließungen einzelner Häuser herumgeisterten, hat Hamburg heute ein vielfältiges, breit aufgestelltes Angebot. Trotzdem kommt noch Manches dazu. Eines ist das UBS Digital Art Museum, das sich in Bau befindet und noch 2026 in der Hafencity eröffnet werden soll. Es bezeichnet sich als Europas größte Team Lab Ausstellung und geht zurück auf das Konzept eines 2001 in Tokio gegründeten internationalen Künstlerkollektivs. „TeamLab Borderless“ definiert sich als „eine Welt der Kunstwerke ohne Grenzen. Sie bewegen sich aus den Räumen heraus, kommunizieren mit anderen Werken, beeinflussen sich gegenseitig“. Frage an Maximilian Pohlmann (Head of Marketing): Ist das überhaupt ein Museum? – Antwort: „Ja, dem Anspruch muss man schon gerecht werden. Es ist zeitgenössische Kunst; es wird gesammelt – aber gezeigt wird gerade Erforschtes“ . Und obwohl noch gar nicht eröffnet, sind bereits Tausende Tickets verkauft. Nach Eröffnung erhofft sich Pohlmann rund 700 000 Besucher im Jahr.
Als Matthias Glaubrecht (Uni Hamburg, Wissenschaftlicher Projektleiter Neues Museum/Evolutioneum) vor zehn Jahren startete, gab es in Hamburg zwei Lücken: das Hafen- und das Naturkundemuseum. „Ja, es gibt eins, aber wir wollen weg vom alten Klischee.“ Und auf die Frage, wie Museen klimafreundlich und nachhaltig betrieben werden können, schildert er den Ist-Zustand des derzeitigen Gebäudes, das solchen Zielen nicht gerecht werden könne. „Unter diesen Bedingungen wären 10 Millionen Sammlungsstücke dem Untergang geweiht. Wenn sie nicht woanders untergebracht werden können. Das ist der wesentliche Grund für den Willen zum neuen Standort.“
Nachhaltigkeitsbestrebungen werden von allen begrüßt. Sie machen Projekte aber auch teurer und schwieriger. Wie verfährt Landesarchäologe Rainer-Maria Weiss, inzwischen dienstältester Museumsdirektor der Stadt, mit seinem in Harburg ansässigen Archäologischen Museum? Die Standards sind schon jetzt sehr hoch. Beispiele für die Bemühungen: Wie geht man mit den Transporten von Leihgaben um? Welche Möglichkeiten gibt es, die nicht von weit weg gelegenen Orten zu holen, sondern etwa aus Europa. Und wie bewahrt man Objekte klimafreundlich? Bundesweit gibt es elf Museen, die sich für dieses Ziel zusammengetan haben. – Dass sein Museum angesichts mehrerer neuer Projekte „etwas in den Hintergrund des öffentlichen Interesses“ geraten könnte, fürchtet Weiss nicht. Auch nicht angesichts der geografischen Randlage. So schön es wäre, eine große zentrale Ausstellungshalle zu haben – es muss nicht alles zentral gelegen sein. Das Publikum möge doch Hamburg insgesamt sehen! Und er verweist auf die gute Erreichbarkeit seines Hauses mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Und überhaupt – Hamburgs Museen-Angebot brauche sich wahrhaftig nicht zu verstecken. „Wir lachen uns doch ins Fäustchen, was anderswo passiert. Und hier scheint die Sonne!“
Dennoch spielte in der Diskussion die Frage nach dem Realisierungstempo und nach manchen Verzögerungen in den zeitlichen Abläufen eine wichtige Rolle. So zieht sich das Vorhaben, auf dem Hopfenmarkt das Museum „Neue Burg“ , eine Ausstellung, die sich Hamburgs Frühgeschichte widmet, in die Länge. Weiss und die anderen Diskutanten schilderten, wie durch langwierige bürokratische Abläufe nicht nur die Zeit verrinnt, sondern früher erstellte Kostenberechnungen nicht mehr aktuell sind. „Es wird so lange verzögert, bis das Geld nicht mehr reicht.“ Was dann wiederum neue Hürden eröffnet. Verena Westermann gab jedoch auch zu bedenken, dass spätere Eröffnungen zugleich die Chance böten, neue Erkenntnisse zu verwerten.
Auch Pläne und Ideen für ein Jüdisches Museum reichen bereits zwei Jahrzehnte zurück. Die damaligen Vorschläge wurden zunächst nicht weiter verfolgt. Seit zwei Jahren hat das Thema wieder Fahrt aufgenommen. Jetzt wird darüber nachgedacht und diskutiert, welche Besonderheiten in Hamburg angesichts der Tatsache, dass es in Deutschland bereits 30 Jüdische Museen gibt, gezeigt werden können. Verena Westermann plädierte für Geduld und längere Planungsprozesse, die zugleich neue Konzepte hervorbringen könnten.
Und wie steht es mit Vorschlägen, die Kunsthalle Richtung Alster zu erweitern? Die Antwort klingt vorsichtig. „Ideen kann man haben.“ (Cornelie Sonntag-Wolgast)