NDR-Diskussion

Hamburg, 7. September 2020

 

„Quo vadis, NDR?“, fragt das Kulturforum Hamburg. Anlass: die umfänglichen Sparmaßnahmen, die seit Wochen für Proteste im Lager der Kulturszene sorgen. Auch das Kulturforum hat bereits im Mai ausführlich Stellung bezogen, sucht aber auch den kritischen Dialog mit der Leitung des Hauses. Am 7. September 2020 stellte sich Intendant Joachim Knuth in einen Konferenzraum in Lokstedt und Fragen von Mitgliedern des Kulturforums und des Deutschen Journalistenverbandes Hamburg. Knuth sowie die Hörfunk-Direktorin Katja Marx und Anja Reschke (Leiterin der Abteilung Innenpolitik) schilderten ausführlich und schonungslos die Situation. 300 Millionen Euro müssen eingespart werden, auch wenn die nächste Gebührenerhöhung kommt. Sollte sie scheitern, erhöht sich die Summe sogar auf 450 Millionen. Mehr als die Hälfte der geplanten Einsparungen betreffe den Bereich Unterhaltung; gerade die Kultur lege ihm sehr am Herzen, betonte der Intendant. Immerhin gibt es beim NDR 252 Stellen im Bereich der Musik; sein Haus sei das einzige mit zwei Vollorchestern, die auch unangetastet bleiben sollen. Hingegen wird der Chor zu einem Vokalensemble mit deutlich weniger festangestellten Mitgliedern umgestaltet. Knuth, Marx und Reschke verwiesen aber auch darauf, dass der Radio- und Fernsehkonsum in der jüngeren Generation spürbar zurückgehe. Auf diese Entwicklung müsse man reagieren und mit stärkerem Gewicht auf digitale Vermittlung versuchen, möglichst viele Menschen zu erreichen. Knuth nannte Information, Regionalität und Kultur als künftige Schwerpunkte. Eine dringliche Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sei und bleibe es, „in Zeiten von Fake News überprüfbare Nachrichten zu liefern.“ 

Fotos: Gerhard Lein: Anja Reschke, Leiterin Abt. Innenpolitik / Katja Marx , Direktorin Hörfunk / (v.r.) NDR-Intendant Knuth mit Moderator Rainer Burchardt und Cornelie Sonntag-Wolgast (Kulturforum)


Kulturforum Hamburg:  Kultur- und Bildungsauftrag des NDR trotz Sparzwängen wahren!

Hamburg, 21. Mai 2020

 

Das Kulturforum Hamburg nimmt mit Befremden und großer Sorge um den Kultur-Auftrag des NDR die geplanten Änderungen in den Programmen von Fernsehen und Hörfunk zur Kenntnis. Wir haben Verständnis dafür, dass aus finanziellen Gründen gekürzt werden muss. Es geht uns auch nicht allein um den Wegfall der Sendung „Bücherjournal“, den viele namhafte Autoren und Literatur-Interessierte kritisieren. Wir verweisen auch auf andere Reduzierungen bei kulturell relevanten Sendungen wie die vorgesehene „multimediale Neuausrichtung“ des „Kulturjournals“ und des Medienmagazins „Zapp“. Im Hörfunk sind Jazz-Angebote, mehrere Tagestermine der Kurznachrichten „NDR Kulturell“ betroffen; „Welt der Musik“ und „Klassik auf Wunsch“ werden reduziert.

NDR-Intendant Joachim Knuth versichert, dass es – um noch einmal bei der Literatur zu bleiben – keine Buchbesprechung weniger geben werde als bisher. Vielmehr wolle man erreichen, dass mehr Menschen als bisher die Angebote sehen, hören und lesen. Wie das geschehen soll, bleibt offen. Unsere Vermutung ist, dass kulturelle Themen künftig beim NDR sowohl im Fernsehen als auch im Hörfunk bzw. den digitalen Angeboten, irgendwie „untergebracht“ werden – um es salopp auszudrücken - ; dass aber das zielgenaue Auffinden von Berichten und Analysen aus den Bereichen der Literatur, Musik, bildender Kunst, des Films und anderer kulturell bzw. kulturpolitisch relevanter Themen für das interessierte Publikum erschwert wird. Mit dieser Einschätzung steht das Kulturforum Hamburg nicht allein. So beobachtet der Deutsche Kulturrat eine allgemeine Entwicklung: „Das Fernsehen hat sich fast gänzlich aus der ernsthaften kulturpolitischen Berichterstattung verabschiedet. Letztlich sind es nur noch die Kulturwellen im Hörfunk und einige wenige der großen Tageszeitungen, die die kulturpolitische Fahne manchmal hochhalten.“

Ein anderer Aspekt betrifft die Erkennbarkeit, das Profil des NDR. Mit einigen ins Auge gefassten Änderungen verstärkt sich unserer Einschätzung nach der Trend zur stromlinienförmigen Ausrichtung der Programme. Mehrere Formate mit festen Sendeplätzen  und-zeiten sollen wegfallen, darunter bedauerlicherweise eine so traditionsreiche Sendung mit kompakter Information wie das “Echo des Tages“ (das noch auf NWDR-Zeiten zurückgeht), politisch vertiefende Programmteile wie „Mittags-Echo“ oder „Zeitzeichen“ (die kurze, aber prägnante Rückschau auf bemerkenswerte historische Ereignisse). 

Das Kulturforum Hamburg ist sich im Klaren darüber, dass sich die Mediennutzung verändert hat. Es gibt aber gerade unter den Kultur-Affinen und –Interessierten viele Menschen, die weiterhin feste Sendeplätze und eine deutliche Erkennbarkeit von Formaten wünschen, die ihnen Informationen über Theater, Konzertleben, Jazz, bildende Kunst oder Aktivitäten der freien Kunstszene sowie kultur- und medienpolitische Diskussionen und Entwicklungen bieten. Die „Systemrelevanz“ der Kultur, ihr wichtiger Beitrag für den Zusammenhalt der Gesellschaft sind gerade in der gegenwärtigen Corona-Krise Gegenstand kluger Kommentare. Dies künftig zu gewährleisten, sollte dem NDR auch angesichts notwendiger finanzieller Einsparungen möglich und wichtig sein. Wir appellieren an den NDR, den Kultur- und Bildungsauftrag ernst zu nehmen und ein innovatives Profil zu entwickeln, in dem sich sowohl junge als auch ältere Menschen wiederfinden. 

 

Für den Vorstand des Kulturforums: Dr. Cornelie Sonntag-Wolgast, Vorsitzende

 


Mitgliederbrief in Sachen Corona

 

Liebe Mitglieder des Kulturforums,

die Absagewelle wegen der Corona-Krise macht natürlich auch vor uns, dem Kulturforum Hamburg, nicht Halt. Dabei hatten wir bis zu den Sommerferien schon so interessante Veranstaltungen geplant wie einen Abend mit Dirk Luckow in den Deichtorhallen, eine Podiumsrunde zur Hamburger Literaturszene und zur Street Art sowie zum jüdischen Leben in der Hansestadt mit dem Akzent auf kulturellen Aktivitäten…Alles erst einmal gestoppt! Doch wir behalten diese Vorhaben im Auge.  

Wir nutzen aber diese Atempause, um dennoch den Kontakt mit Ihnen, unseren Mitgliedern, aufrechtzuerhalten. Und die kulturelle Askese, mit der wir augenblicklich leben müssen, kann ja vielleicht auch die eigene Phantasie und die Sehnsucht nach dem Wiedererwachen des Kulturlebens beflügeln. Unser Appell: Auch wenn die Behörde für Kultur und Medien finanzielle Hilfen gibt - überlegen Sie selbst, wie Sie gerade kleineren Kultureinrichtungen und der  freien  Szene helfen können, über die Runden zu kommen! Zum Beispiel durch Spenden– im Netz gibt es da genügend Anregungen - oder indem Sie den Preis für gekaufte Tickets für Theater, Oper oder Konzerte nicht zurückfordern. 

 

Und dann stellen wir die Frage: Welche Themen sollte das Kulturforum anpacken? Was gefällt Ihnen an unseren Veranstaltungen, wo sehen Sie Defizite? Schreiben Sie uns, wenn Sie Lust und Ideen haben; wir werden über Ihre Anregungen sprechen, wenn wir als Vorstand wieder zusammenkommen. Ihre Ratschläge bitte an die Mail-Anschrift sonntagwolgast@gmail.com

Wir danken Ihnen im Voraus und verabschieden uns mit dem derzeit üblichen Gruß:

Bleiben Sie gesund!

 

Dr. Cornelie Sonntag-Wolgast, Vorsitzende       


Das Kulturforum Hamburg trauert um

Freimut Duve

* 26.11.1936  + 3.3.2020     

 

Er war Autor, Politiker, international aktiver Kämpfer für die Menschenrechte, für die Freiheit der Kunst und der Medien. Das Kulturforum Hamburg hat er vor zwei Jahrzehnten gemeinsam mit engagierten Sozialdemokraten, kulturell Interessierten und künstlerisch Tätigen gegründet und war uns im Vorstand über viele Jahre ein kluger und ideenreicher Ratgeber. Besonderes Gewicht legte er auf die kulturelle Teilhabe von Menschen mit Migrationsgeschichte. Er war unser aufrichtiger und welterfahrener Freund bis zuletzt, als ihm die schwere Krankheit die Kraft nahm. Wir werden ihn nicht vergessen und trauern mit seiner Frau Karin und der gesamten Familie.   


Auf Berichte und Gerüchte über einen möglichen Verkauf der 'Hamburger Morgenpost' haben viele UnterstützerInnen der traditionsreichen Boulevardzeitung mit Solidaritätsadressen reagiert. Die Vorsitzende des Kulturforums Hamburg, Cornelie Sonntag-Wolgast, schrieb in einem am 28. Januar 2020 abgedruckten Brief an die Redaktion:

 

Leserbrief zur „Morgenpost“

Die „MOPO“ ist nicht nur wichtiger Bestandteil der Medienvielfalt in Hamburg, sondern hebt sich als Boulevardzeitung wohltuend von der reißerischen „großen“ Konkurrenz ab. Mit der Serie „Standpunkt“ bietet sie außerdem eine Plattform für eine breit gefächerte öffentliche Diskussion zu den unterschiedlichsten Themen an. Hoffen wir, dass sie uns erhalten bleibt! Hoffen wir außerdem, dass all diejenigen, die so vollmundig ihre Unterstützung artikulieren, das Blatt auch kaufen! Denn darin erweist sich Solidarität.

 

Dr. Cornelie Sonntag-Wolgast, Vorsitzende des Kulturforums Hamburg